Im Sommer 1944, als sich die Front in der Normandie immer weiter zuspitzte, geriet die deutsche Wehrmacht in einen Strudel aus Rückzug, Verzweiflung und erbittertem Widerstand. Die britische Operation Goodwood hatte ihren Teil dazu beigetragen, die deutschen Kräfte zu binden und die Voraussetzungen für jene dramatischen Ereignisse zu schaffen, die schließlich im Kessel von Falaise gipfelten. Bei Montormel, unweit des Flüsschens Dives, versuchten die verbliebenen deutschen Verbände, dem drohenden Untergang zu entkommen. Mitten in diesem Chaos: ein stählerner Koloss der Schweren Heeres-Panzer-Abteilung 503 – der Tiger I von Honischer. Ein Fotoshooting zwischen Geschichte und Fiktion, in einer Landschaft, in der sich im August 1944 das Schicksal ganzer Divisionen entschied.
Stahlgewitter bei Montormel
Der letzte Tanz der Tiger – ein Gefechtsbericht von Rittmeister Hasso von Stürmisch
Normandie, August 1944. Zwischen den Hecken der Bocage, den rauchenden Dörfern und den zerschossenen Straßen des Kessels von Falaise begann ein Wettlauf auf Leben und Tod. Dies ist die Geschichte eines Tigers, zweier verzweifelter Ausbruchsversuche und einer Kamera, die den Wahnsinn des Krieges festhielt.
Der Himmel über der Normandie hing bleigrau über den Feldern. Seit Tagen dröhnten die Geschütze, und der Geruch von verbranntem Treibstoff, feuchter Erde und Pulverdampf lag über dem Land. Der Kessel von Falaise schloss sich wie eine eiserne Faust um die Reste der deutschen 7. Armee und der 5. Panzerarmee. Tausende Soldaten drängten nach Osten, auf Straßen, die längst zu Friedhöfen aus Stahl und Fleisch geworden waren.
Doch nicht jeder war bereit, seinen Panzer kampflos aufzugeben.
Ich, Rittmeister Hasso von Stürmisch, hatte mich mit meiner Kamera in die Nähe von Montormel begeben. Mein Auftrag war ungewöhnlich: Ich wollte den Tiger I des gefürchteten Generals Honischer fotografisch dokumentieren. Ein Koloss von sechsundfünfzig Tonnen, dessen 8,8-cm-Kanone noch immer Respekt einflößte, selbst bei jenen, die glaubten, bereits alles gesehen zu haben.
„Herr Rittmeister“, knurrte Honischer, während er mit ölverschmierten Fingern über die Panzerwanne strich, „wenn Sie unbedingt Bilder machen müssen, dann halten Sie sich wenigstens hinter dem Turm. Die Briten schießen schlecht, aber sie schießen oft.“
Ich überprüfte meine Kamera.
„Keine Sorge, Herr General. Ich habe schon bei schlechterem Licht fotografiert.“
Honischer lachte kurz. Es war ein raues, trockenes Lachen, das im Kanonendonner beinahe unterging.
Wir wussten beide, dass die Lage ernst war.
Die Keule wartet
Montormel lag vor uns, ein unscheinbarer normannischer Ort mit einer kleinen Kirche, niedrigen Häusern und schmalen Straßen. Doch die Höhenzüge ringsum waren von entscheidender Bedeutung. Besonders die Höhe 262, von den Polen treffend Maczuga – die Keule – genannt, beherrschte das Gelände. Hier hielten Soldaten der 1. Polnischen Panzerdivision unter General Stanisław Maczek gemeinsam mit alliierten Verbänden den deutschen Rückzugskorridor unter Feuer.
In den Hecken lauerten Sherman-Panzer. Polnische Besatzungen, kampferprobt und entschlossen, hatten ihre Geschütze auf die Zufahrtswege gerichtet. Sie wussten, was ihnen entgegenkam: deutsche Panzer, die nichts mehr zu verlieren hatten.
Im Turm eines polnischen Shermans saß Leutnant Jan Kowalski. Sein Ladeschütze, Corporal Thomas Bennett, beobachtete durch die Luke die Straße nach Montormel.
„Da kommt etwas Schweres“, murmelte Bennett.
Kowalski nahm das Fernglas hoch. Zwischen Rauchschwaden und Staub zeichnete sich die kantige Silhouette eines Tigers ab.
„Ein Tiger! Entfernung ungefähr sechshundert Meter. Richtschütze, bereitmachen!“
Am anderen Ende der Straße brüllte Honischer bereits seine Befehle.
„Panzer voraus! Nicht stehen bleiben! Fahrer, in die Deckung der Häuser! Richtschütze, Augen auf die Hecken!“
Der Tiger rollte in die Ortschaft. Seine Ketten zermalmten Ziegelbrocken, während der Motor mit tiefem, bedrohlichem Knurren durch die engen Gassen hallte. Ich sprang hinter eine niedrige Mauer und riss die Kamera hoch.
Klick.
Der erste Schuss zerriss die Luft.
Ein Sherman feuerte aus einer seitlichen Stellung. Das Geschoss schlug gegen die Front des Tigers und sprühte Funken, ohne die Panzerung zu durchdringen.
Honischer riss das Mikrofon ans Gesicht.
„Da drüben! Links! Feuer frei!“
Der Turm schwenkte. Die 8,8-cm-Kanone donnerte, und der Sherman verschwand in einer Wolke aus Staub und Rauch. Als sich der Qualm verzog, stand das Fahrzeug brennend zwischen zwei Häusern.
„Ein Treffer!“, rief der Richtschütze.
„Das war noch kein Durchbruch“, knurrte Honischer. „Weiter!“
Ich machte ein weiteres Bild. Der Tiger stand halb im Schatten eines zerstörten Bauernhauses, die Kanone auf die nächste Straßensperre gerichtet. Ein perfektes Motiv – wenn man vergaß, dass hinter jedem Mauerrest Männer lagen, die sich gegenseitig umzubringen versuchten.
Feuer um die Kirche
Die Glocke der kleinen Kirche von Montormel hing schief in ihrem Turm. Einige Fensterscheiben waren bereits zerborsten, und die Mauern zitterten unter dem Einschlag schwerer Geschosse. Vor dem Kirchplatz hatten polnische Panzerabwehrschützen eine Stellung bezogen. Ein Sherman stand hinter einer Hausecke, während ein zweites Fahrzeug weiter oben an der Straße Stellung hielt.
Leutnant Kowalski hatte den ersten Panzer verloren, doch er dachte nicht daran, zurückzuweichen.
„Der Tiger muss durch die Hauptstraße!“, rief er. „Wir halten ihn hier auf, bis Verstärkung eintrifft!“
Bennett blickte auf die brennenden Trümmer des ausgeschalteten Shermans.
„Mit Verlaub, Sir, ich glaube, der Bursche hat andere Pläne.“
„Dann sorgen wir dafür, dass er sie ändert!“
Ein weiterer Sherman setzte sich in Bewegung. Seine Kanone feuerte zweimal. Das erste Geschoss schlug in die Fassade eines Hauses, das zweite riss Mauerwerk von der Kirchenmauer. Staub wirbelte über den Platz.
Honischer duckte sich im Turm.
„Verdammte Kerle! Fahrer, zurücksetzen! Wir brauchen einen anderen Winkel!“
Der Tiger wich in eine schmale Seitenstraße aus. Sein Heck schwenkte gefährlich nahe an eine Hauswand. Ich presste mich hinter einen umgestürzten Karren und fotografierte, während Ziegel über das Pflaster prasselten.
Klick. Klick.
Ein polnisches Geschoss schlug in die Seite eines Gebäudes, kaum zehn Meter von mir entfernt. Ich warf mich zu Boden. Meine Kamera klapperte gegen die Steine.
„Herr General!“, schrie ich, als der Tiger wieder in mein Blickfeld rollte. „Noch eine Aufnahme!“
Honischer steckte den Kopf aus der Luke.
„Sie sind entweder der mutigste Fotograf der Wehrmacht oder der größte Narr, den ich je getroffen habe!“
„Das überlasse ich der Nachwelt, Herr General!“
„Dann sorgen Sie dafür, dass es überhaupt eine Nachwelt gibt!“
Der Tiger schoss aus der Gasse hervor und feuerte auf den zweiten Sherman. Die Granate traf dessen Turmseite. Das Fahrzeug kam abrupt zum Stehen, Rauch quoll aus dem Kampfraum, und die Besatzung begann auszusteigen.
Doch der Weg nach Osten blieb versperrt. Von den Höhen herab hämmerten weitere alliierte Geschütze. Die polnischen Verbände auf der Maczuga hielten ihre Stellungen trotz schwerster Verluste. Jeder Meter Straße war umkämpft, jedes Haus eine mögliche Falle.
Honischer blickte auf die Karte, die ihm sein Funker reichte.
„Wir nehmen die südliche Ausfahrt. Wenn die Hauptstraße dicht ist, dann eben durch die Gärten.“
„Dort stehen möglicherweise weitere Panzer, Herr General“, gab der Funker zu bedenken.
„Dann werden wir sie höflich bitten, Platz zu machen.“
Der Ausbruch
Der Tiger setzte sich erneut in Bewegung. Über Schutt und zerbrochene Zäune kämpfte er sich an den Rand der Ortschaft. Der Motor heulte, die Ketten griffen in den aufgeweichten Boden. Hinter uns lag die Kirche, deren Turm nun von einer dichten Rauchwolke verhüllt wurde.
Aus einer Hecke eröffnete ein weiterer Sherman das Feuer.
„Panzer rechts!“, brüllte der Richtschütze.
Honischer reagierte sofort.
„Turm rechts! Schnell!“
Der Tiger schwenkte seine Kanone. Ein Schuss, ein gewaltiger Knall – dann Stille auf der anderen Seite der Hecke. Ob der Sherman vernichtet oder lediglich kampfunfähig war, konnte ich aus meiner Stellung nicht erkennen.
Ich drückte ein letztes Mal auf den Auslöser, als der Tiger zwischen zwei rauchenden Gebäuden hindurch auf die freie Straße rollte. Für einen kurzen Augenblick stand er im Gegenlicht der untergehenden Sonne: ein schwarzer Stahlriese, umgeben von Staub, Rauch und den Schatten des zerbrechenden deutschen Westheeres.
Klick.
Dann verschluckten die Hecken den Panzer.
Honischer hatte den unmittelbaren Kampf in Montormel überstanden. Doch die Schlacht um den Kessel war damit keineswegs entschieden. Die polnischen und kanadischen Verbände hielten weiterhin wichtige Stellungen, während deutsche Kolonnen unter schwerem Beschuss nach Osten drängten. Nicht jeder Panzer, der sich in Bewegung setzte, erreichte die eigenen Linien.
Als ich später meine Kamera überprüfte, zitterten meine Hände noch immer. Auf dem Film waren die Bilder eines Gefechts, das sich in meinem Gedächtnis unauslöschlich eingebrannt hatte: der Tiger vor den zerstörten Häusern, der Qualm an der Kirche, die brennenden Shermans und General Honischer, der seinen Stahlkoloss durch das Inferno führte.
Man würde später behaupten, nur zwei Tiger I der Schweren Heeres-Panzer-Abteilung 503 hätten sich auf diesem Weg durch Montormel aus dem Kessel retten können.
Ob Legende oder Wahrheit – mein Film sollte Zeugnis ablegen.
Ich, Rittmeister Hasso von Stürmisch, hatte den Tiger Honischers gesehen. Ich hatte ihn gehört, gerochen und durch den Sucher meiner Kamera verfolgt.
Und ich schwöre bei meinem Offiziersehrenwort: An jenem Tag war der Stahl noch lange nicht tot.





