Ein neues Projekt ruft den Sturmi auf den Plan. Eine Armee für SAGA will ausgehoben werden: „Heer der verlorenen Seelen“. Doch was genau verbirgt sich dahinter?
Das „Heer der verlorenen Seelen“
Das „Heer der verlorenen Seelen“ knüpft an „Guards of Sturmi’s Toll“ an.
Ihr kennt Sturmi’s Toll. Ihr kennt seine Mauern, seine Gassen und das alte Zolltor, durch das seit Menschengedenken Händler, Pilger, Glücksritter und manch lichtscheues Gesindel gezogen sind. Vielleicht glaubt ihr sogar, den Ort zu kennen.
Doch glaubt mir: Ihr kennt nicht alles, was unter seinen Mauern ruht.
Ich bin Sturmar von Toll, Statthalter der Grenzfeste und Herr des alten Zolltores, und was ich euch nun berichte, ist weder das Geschwätz eines betrunkenen Fuhrmanns noch eine jener Geschichten, mit denen Ammen ungezogene Kinder ins Bett treiben. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.
Schon lange erzählen sich die Alten, dass tief unter Sturmi’s Toll jene ruhen, die einst hier lebten, sündigten und schließlich mit einem Fluch aus der Welt der Lebenden gerissen wurden. Man nennt sie das Heer der verlorenen Seelen.
In klaren Mondnächten kann man sie hören.
Dann verstummen selbst die Hunde, und unter den Dielen, tief unter Kellern, Gewölben und Fundamenten, erklingt ein dumpfes Geräusch. Erst glaubt man, es sei nur das Arbeiten des alten Gemäuers. Doch lauscht man länger, erkennt man den Takt.
Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt.
Ein Heer marschiert dort unten.
Wohin, vermag niemand zu sagen.
Bis zu jener Nacht.
Es war am dritten Tage nach Ostern, im Jahr der großen Dürre. Seit mehreren Nächten waren klagende Rufe aus der Tiefe gedrungen. Manche behaupteten, darin die Stimmen Verstorbener erkannt zu haben. Andere verriegelten bei Sonnenuntergang Türen und Fenster und wollten von alledem nichts wissen.
Ich ließ die Wachen verdoppeln.
Man hat mich später gefragt, ob ich damals bereits gewusst hätte, was kommen würde.
Nein.
Hätte ich es gewusst, ich hätte die Wachen verdreifacht.
Kurz nach Mitternacht erhob sich vom Acker des Prälaten ein Laut, als würde die Erde selbst unter Schmerzen aufstöhnen. Die trockene Scholle brach auf. Erdreich quoll hervor, Steine rollten beiseite – und dann erschienen die ersten Hände.
Fahle Finger krallten sich in den Boden. Zerrissene Arme folgten ihnen. Gestalten zogen sich aus der schwarzen Erde empor, bleich im kalten Licht des Mondes.
Einer nach dem anderen.
Krieger nach Krieger.
Und kaum hatte sich der Letzte aus seinem Grab erhoben, geschah etwas, das mir bis heute mehr Schrecken bereitet als ihr Anblick.
Sie formierten sich.
Keine Horde taumelnder Leichname stand dort draußen. Kein führerloser Pöbel, den der Tod um den Verstand gebracht hatte.
Es war ein Heer.
Ohne Ruf, ohne Trommel und ohne Horn setzte es sich in Bewegung.
Geradewegs auf Sturmi’s Toll zu.
Wer in jener Nacht auf den Mauern stand, wird das Geräusch niemals vergessen. Dutzende tote Füße auf hartem Boden. Langsam zunächst, dann näher und näher, bis jeder einzelne Schritt durch Stein und Bein zu dringen schien.
Unsere Wachen hielten das Tor.
Zumindest versuchten sie es.
Als die ersten Toten gegen das mächtige Eichentor drängten, ächzten Balken und Beschläge. Beim zweiten Ansturm splitterte das Holz. Beim dritten barst das Tor.
Dann waren sie in der Stadt.
Unsere Männer hieben mit Schwertern und Äxten auf sie ein. Köpfe fielen. Arme wurden abgeschlagen. Körper stürzten zu Boden.
Doch die Toten hatten einen Vorteil, den wir Lebenden nur schwer wettmachen konnten:
Sie waren bereits tot.
Bald wichen die ersten Wachen zurück. Dann flohen sie.
Und wer von euch jetzt glaubt, ich würde sie dafür Feiglinge nennen, darf sich beim nächsten Hervorbrechen des Heeres gern selbst ans Tor stellen. Ich werde euch einen guten Platz freihalten.
Doch die Toten waren nicht gekommen, um Sturmi’s Toll zu erobern.
Sie suchten einen Mann.
Den Prälaten.
Noch in derselben Nacht drangen sie in sein Haus ein. Was dort geschah, wissen nur die Toten und der Herr selbst. Sicher ist allein, dass der Prälat sich bis zuletzt geweigert hatte, jenen Fluch zu lösen, den er einst über die Sünder von Sturmi’s Toll gesprochen hatte.
Am nächsten Morgen fanden wir ihn in seiner Schreibstube.
Er saß noch hinter seinem schweren Pult.
Seine Haut war aschfahl. Blutige Fetzen hingen von seinem Gesicht und seinen Händen. Sein Ornat war zerfetzt, und dort, wo einst der Blick eines strengen Mannes jeden Sünder hatte verstummen lassen, lagen nur noch zwei leere Augen.
Dann hob er den Kopf.
Ich wünschte, er hätte es nicht getan.
Der Prälat war einer von ihnen geworden.
Der Mann, der so viele zur ewigen Rastlosigkeit verdammt hatte, war nun selbst an ihren Fluch gebunden. Fortan sollte er mit jenen durch die Finsternis ziehen, die er einst gerichtet hatte – ein Verdammter unter Verdammten, bis zu jenem Tag, an dem das Heer seinen Rachezug vollenden würde.
Falls ein solcher Tag je kommt.
Denn die verlorenen Seelen verschwanden noch vor Sonnenaufgang.
Die Erde nahm sie wieder auf.
Seitdem lauschen wir.
Manchmal vergehen Wochen, ohne dass etwas geschieht. Manchmal Monate. Dann kommt eine klare Nacht, der Wind legt sich über Sturmi’s Toll, und irgendwo tief unter unseren Füßen beginnt es wieder.
Schritt.
Um Schritt.
Um Schritt.
Nun fragt ihr euch gewiss, weshalb ich euch das erzähle.
Nun, Freunde von Sturmi’s Toll: Zwölf Reiter und sechzig Untote haben sich bereits unter meinen Bannern versammelt. Noch fristen sie ihr Dasein im finstersten aller Reiche, jenem Ort, aus dem nur wenige Miniaturen jemals zurückkehren:
dem Pile of Shame.
Doch ich habe begonnen, sie zu rufen.
Und diesmal sollt ihr Zeugen sein, wenn sich die Erde öffnet.
Welche Gestalten werden zuerst aus ihren Gräbern steigen? Welche Geschichte bringen sie mit sich? Wer führte dieses Heer zu Lebzeiten, wer trägt seinen Fluch – und wer wird sich ihnen entgegenstellen, wenn sie vor den Toren von Sturmi’s Toll erscheinen?
Das werden wir herausfinden.
Zwölf Reiter.
Sechzig Tote.
Zweiundsiebzig verlorene Seelen warten darauf, Farbe zu erhalten und aus der Finsternis hervorzubrechen.
Wenn ihr also in den kommenden Nächten ein Scharren unter euren Füßen hört, seid unbesorgt.
Vermutlich ist es nur das alte Gemäuer.
Vermutlich.
Euer
Sturmar von Toll, Statthalter der Grenzfeste und Herr des alten Zolltores


