Das 24. Panzerkorps des Generalmajor W. M. Badanow oder was nach dem Raid auf Tazinskaja passierte

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Tazinskaja lag an der Bistra wie eine Insel aus Holz und Schnee. Bis hierhin hatte es das 24. Panzerkorps der Roten Armee unter Generalmajor W. M. Badanow geschafft, die deutschen Linien zu durchbrechen. Jetzt sollte der Durchbruch gekappt werden. Im Eilmarsch waren die 6. und die 11. Panzer-Division herangeführt worden, und im Verband der 11. Panzer-Division rollten die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 nach vorn – nicht als Parade, sondern als Stopfen in eine Wunde.

Oberst Honischer und sein Panzerregiment 15

Oberst Honischer stand halb aus der Luke seines Befehlswagens. Der Fahrtwind biss ins Gesicht, obwohl der Kragen hochgeschlagen war. Schnee staubte über die Ketten, und der Motor brummte so tief, dass man ihn mehr im Brustkorb spürte als in den Ohren. Innen roch es nach Öl, Schmierfett, kaltem Metall und dem säuerlichen Hauch von Abgas, der manchmal durch jede Dichtung kroch. Der Panzer war nicht gemütlich, aber er war vertraut – wie ein Werkzeug, das man blind bedienen konnte, solange es nicht im falschen Moment streikte.

Die Straßen von Tazinskaja waren menschenleer. Fenster dunkel, Türen verrammelt, keine Kinder, keine Hunde, kein Rauch aus Schornsteinen. Nur hier und da ein Schlittenabdruck im Schnee, schon wieder verweht. Die Stadt wirkte, als hätte jemand auf „Pause“ gedrückt, kurz bevor es losging.

„Unheimlich“, murmelte Unteroffizier Brandt, der Richtschütze, über das Bordsprechgerät. „Nicht mal ein Mensch zu sehen.“

„Dann sehen sie uns“, knurrte der Fahrer, Gefreiter Pahl. „Nur wir sehen sie nicht.“

Honischer ließ den Blick über die Häuserreihen laufen, suchte nach dem einen Detail, das nicht passte: frische Spuren, eine offene Luke, ein Schatten hinter einer Gardine. Es gab nichts. Und genau das machte es schlimmer.

„Funk an die Spitze“, sagte er ruhig. „Achtung auf Hinterhalte. Jeder Keller kann ein Auge haben.“

Der Funker, Gefreiter Krüger, bestätigte sofort. „Jawohl, Herr Oberst.“ Dann knackte es in den Kopfhörern, kurze Meldungen, knappe Antworten. Man sprach nicht viel. Nicht aus Disziplin – aus Aberglaube. Als könnte jedes unnötige Wort eine Kugel herbeirufen.

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Der Zug rollte weiter, Panzer an Panzer, mit Abstand, so gut es ging. Die Ketten klackten auf hartgefahrenem Schnee, manchmal schlugen sie auf blankes Kopfsteinpflaster, und dann klang es, als würde man mit Eisenhämmern einen Sargdeckel schließen. Honischer hörte, wie irgendwo links eine Scheibe klirrte – nicht durch Beschuss, sondern weil die Erschütterung reichte. Ein kurzer Klang, der im Nichts hängen blieb.

„Straßenkreuzung voraus“, meldete der Kompanietruppführer, Hauptmann Voss, aus dem vorderen Fahrzeug. „Sicht schlecht. Keine Verrenkungen. Wir ziehen durch.“

„Durchziehen“, wiederholte Honischer leise, mehr für sich als für die anderen. Im Krieg war das oft der ganze Plan.

Dann öffnete sich die Straße, und die Bahnstrecke lag vor ihnen – ein dunkler Einschnitt durch die weiße Fläche. Zwei Schienen, blankgescheuert von Wind und Eis. Schwellen, auf denen sich Schnee gesammelt hatte. Ein niedriger Bahndamm, der das Gelände dahinter verdeckte, als hätte jemand eine Kante in die Welt geschnitten. Honischer mochte Bahndämme nicht. Sie waren Deckung für den Gegner und ein Hindernis für ihn. Wer drüber musste, zeigte Bauch.

„Bahnlinie“, sagte Brandt. „Wenn da drüben einer sitzt…“

„Dann sitzt er da drüben“, unterbrach Honischer. „Wir bleiben nicht stehen.“

Er hob das Fernglas. Rechts ein kleines Wärterhäuschen, halb eingeschneit. Links ein Güterschuppen mit eingedrücktem Tor. Auf der Rampe lagen Kisten, auseinandergerissen, als hätte jemand hastig gesucht – oder geplündert. Keine Bewegung, aber die Ruhe fühlte sich an wie ein zu glattes Blatt Papier: schön, bis jemand es anzündet.

„Voss an alle: Erstes Fahrzeug rüber, dann gestaffelt. Keine Kolonne auf dem Damm“, kam der Befehl.

Pahl schaltete runter. Der Panzer wurde langsamer, die Ketten griffen, knirschten, rissen Schnee auf. Honischer spürte das leichte Kippen, als sie den Bahndamm anstiegen. Für einen Moment war der Panzer höher als die Dächer, und das war das Gefährliche: Man war sichtbar, angreifbar, ein Ziel mit glänzender Silhouette.

„Augen rechts!“ rief Honischer.

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Brandt ließ das Rohr ein paar Grad schwenken, suchte den Güterschuppen ab. Krüger presste das Ohr an den Kopfhörer, als könne er dort Schritte hören.

Dann kam der Scheitelpunkt. Der Panzer stand einen Herzschlag lang „oben“, und Honischer hatte freie Sicht auf die andere Seite: offene Fläche, ein paar Zäune, eine Reihe niedriger Hütten, dahinter wieder Häuser. Und irgendwo dazwischen ein Schatten, der zu schnell verschwand, um sicher zu sein.

„Halt—“ begann Brandt.

„Weiter!“ befahl Honischer sofort. „Nicht stehen bleiben!“

Der Panzer setzte über, rutschte kurz auf dem eisigen Gefälle, fing sich wieder. Das Fahrwerk schlug hart auf, als die Ketten unten aufsetzten. Metall ächzte. Im gleichen Moment knallte irgendwo ein einzelner Schuss – oder es war nur ein Ast, der unter Druck brach. In diesem Krieg war selbst ein Geräusch eine Entscheidung.

„War das Beschuss?“ fragte Pahl, die Stimme plötzlich dünner.

Honischer zwang sich zur Ruhe. „Keine Treffer. Weiterrollen.“

Hinter ihnen kam der nächste Panzer. Dann der nächste. Die Bahnlinie wurde überwunden, aber keiner glaubte, dass es vorbei war. Solche Übergänge fraßen Nerven, weil sie zeigten, wie klein der Mensch in seiner Maschine blieb.

„Herr Oberst“, sagte Brandt nach ein paar Sekunden, „wenn die Russen wirklich hier sind, dann lassen sie uns gerade laufen.“

Honischer starrte auf die nächste Straßenecke. „Oder sie sammeln uns gleich ein, wenn wir glauben, es wäre sicher.“

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Panzer IV Ausf. F2 des Panzer-Regiments 15 in Tazinskaja

Die Kolonne zog tiefer in Tazinskaja hinein. Wieder diese leeren Fenster, diese stumme Stadt. Honischer dachte an das, was draußen im Raum stand: Badanows Stoßkeil, der abgeschnitten werden musste, bevor er sich festkrallte. Und er dachte an das, was unmittelbar war: jede Kreuzung, jeder Hof, jede schmale Gasse, in der eine Panzerbüchse warten konnte oder ein Molotow, geworfen aus einem Dachfenster.

„Voss“, funkte Honischer, „Bahnlinie passiert. Keine Ausfälle. Aber das hier ist zu ruhig. Wir rechnen mit Kontakt in den nächsten Straßen.“

Die Antwort kam knapp: „Verstanden. Alle Fahrzeuge wach bleiben.“

Honischer legte das Fernglas ab, zog sich tiefer in den Lukenschacht, bis nur noch Helm und Augen über dem Rand waren. Der Wind war schneidend, aber er hielt ihn wach. Und wach zu bleiben war in Tazinskaja alles, was zählte.

Der Panzer IV rollte weiter, sein Rohr leicht über die Dächer gerichtet, als würde er die Stadt mit Misstrauen mustern. Die Ketten fraßen Schnee, die Motoren brummten, und über allem lag dieses Gefühl, das kein Lagebericht ausdrücken konnte: Dass eine leere Straße manchmal gefährlicher ist als eine beschossene – weil man in ihr nicht weiß, wo der Tod gerade sitzt.

Über den Autor

Sturmi ist passionierter Dioramen- und Modellbauer und Table-Top-Spieler. Seinen Einstieg fand er über das frühere Spielsystem "Behind-Omaha" von Samy, aktuell spielt er "Poor Bloody Infantry/PBI", "Geile Scheiße", "DBMM", "ARMATI", "SAGA" und "Bolt Action"

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