Als Hasso Rittmeister von Stürmisch an diesem Morgen das Lagezentrum in Asgard-City betrat, roch es nach kaltem Kaffee, Kartenpapier und dem Öl der Funkgeräte. An der großen Wand hing die Operationskarte, davor standen Stühle in Reih und Glied wie Zinnsoldaten – was Generaloberst Honischer mit einem kurzen, fast schelmischen Blick quittierte.
„Wenn man schon Sofageneral ist“, sagte Honischer und strich über seinen sauber gebürsteten Uniformkragen, „dann will man wenigstens sehen, wie es draußen wirklich klingt.“
Hasso grinste. „Und ich will sehen, wie es aussieht. Ein Manöver ist wie ein Film – nur ohne zweite Takes. Wir machen Bilder, die nach Geschichte riechen.“
Anwesend waren auch ein paar Männer, die offiziell nur „begleiten“ sollten: Major Eberhard Kroll vom Stab der 2. Panzerarmee, ein kantiger Mann mit einem Notizblock, sowie Oberstleutnant Wichmann von der 112. Infanterie-Division, dessen Stimme klang, als würde er Befehle in Granit meißeln. Und natürlich Hauptmann Alsdruf von der Propagandakompanie 4711, der seine Kamera behandelte wie eine Waffe: ruhig, präzise, unnachgiebig.
„Hauptmann“, sagte Hasso, „Sie bleiben nah dran. Ich will Gesichter. Hände. Staub. Das ist keine Postkarte.“
Alsdruf nickte nur. „Verstanden.“
Honischer, leidenschaftlicher Modellbauer und Tabletop-Spieler, war in Asgard-City fast berühmt für sein Hobby. Er frönte ihm vorzugsweise im Maßstab 15mm, und wer ihn kannte, wusste: Wenn er „Frontverlauf“ sagte, meinte er manchmal eine Linie auf einer Karte – und manchmal eine Linie aus Miniaturen auf einer grünen Spielmatte. Doch heute ging es raus. Ein hochrangiges Treffen der beiden Heerführer hatte einen einfachen Beschluss hervorgebracht: Man würde ein Manöver der honischen Truppen besichtigen und im Anschluss die Parade der Truppen abnehmen. Das Übungsgebiet lag nahe des Orelbogens, im Ort Karachew, im Bereich Wytebet und Resseta.
„Karachew“, sagte Honischer, während er in den Wagen stieg. „Klingt nach einem Dorf, das man in 15mm nie groß genug bekommt.“
Hasso klopfte auf seine Kameratasche. „Dann machen wir es heute in Lebensgröße.“
Die Sache mit Karachew
Karachew lag flach in der Landschaft, ein Dorf aus niedrigen Häusern, Zäunen und Gärten, durchzogen von einer Hauptstraße, die wie ein Lineal schnurgerade zur Kirche führte. Genau solche Orte fraßen im Ernstfall Männer und Nerven, weil jede Ecke ein Blickfang für Rohre und jeder Hof ein kleiner Hinterhalt sein konnte.
Die Gruppe der 112. Infanterie-Division, die hier im Rahmen des Manövers antrat, stand unter dem Kommando der 2. Panzerarmee. Der Auftrag war klar: Vorstoß ins Dorf, Räumen der Schlüsselstellen, Abwehr eines erwarteten Gegenstoßes durch Panzereinheiten der Roten Armee. Der Gegner war in der Übung nicht „mild“ angesetzt: T-34/85 und JS-II galten als wahrscheinlich. Deshalb hatte man dem Verband zusätzlich einen Kampfpanzer VI Königstiger mitgegeben – nicht als Showstück, sondern als Brechstange, falls es in Karachew hart wurde.
Oberleutnant Jörg Reimann führte die Vorausgruppe des Infanterie-Regiments 256. Seine Männer kamen auf Schützenpanzerwagen Sd.Kfz. 250 und 251 nach vorn, unterstützt von Jagdpanzern Hetzer aus der divisionseigenen Panzerjäger-Abteilung 112. Der Hetzer, den Reimann zugeteilt bekommen hatte, trug den Namen „Eisvogel“ in Kreideschrift an der Seitenplatte. Kommandant war Unteroffizier Paul Drebber, ein Mann mit trockenem Humor und einem Blick, der ständig Maß nahm.
„Wenn die da drin klug sind“, sagte Drebber beim Anrollen, „lassen sie uns auf die Hauptstraße fahren. Dann sparen sie Munition.“
Reimann antwortete knapp: „Wir fahren nicht auf die Hauptstraße.“
„Ich wollte nur prüfen, ob Sie wach sind, Herr Oberleutnant.“
Reimann ließ sich das Grinsen nicht anmerken. „Funkdisziplin. Und Augen auf.“

Oberleutnant Jörg Reimann führte die Vorausgruppe des Infanterie-Regiments 256. Seine Männer kamen auf Schützenpanzerwagen Sd.Kfz. 250 und 251 nach vorn.
Die Kolonne näherte sich aus westlicher Richtung. Feldwebel Armin Leuthner, der das erste Sd.Kfz. 251 führte, ließ Abstand halten. Er kannte das Prinzip aus bitterer Erfahrung: Was vorne brennt, zieht hinten nach, wenn man zu dicht fährt. Selbst im Manöver wollte er diese Reflexe nicht trainieren.
Dann kam der erste Kontakt. Kein dramatischer Trommelwirbel, sondern ein dumpfes Dröhnen, das aus dem Dorf heraus in den Morgen kroch. Ein T-34/85 rollte über die Hauptstraße, begleitet von gegnerischer Infanterie, die zwischen Zäunen und Mauern Deckung suchte. Im selben Moment meldete ein Spähtrupp, dass sich hinter der Kirche etwas Schweres bewegte.
Reimann hörte die Meldungen, sah das Gelände und entschied in Sekunden. „Drebber, Stellung! Decken Sie die Straße. Kein Schuss, bis er frei steht. Leuthner, absitzen links, über die Gärten. Wir umgehen und binden.“
Die Männer sprangen ab, rutschten in Gräben, pressten sich an Hauswände. Man hörte kurze Befehle, das metallische Klacken von Verschlüssen, das Rufen von Truppführern, die ihre Leute zusammenhielten.
„Gefreiter Lenz!“, brüllte Unteroffizier König, Truppführer im ersten abgesessenen Zug. „Nicht starren! Sichern!“
„Ich sichere doch!“, kam die Antwort zu hoch, zu dünn.
König packte ihn kurz am Kragen und zog ihn tiefer. „Dann sicher leiser.“
Der Hetzer „Eisvogel“ kroch hinter einem Heuschober in Stellung. Drebber ließ das Fahrzeug minimal vorziehen, bis der Richtschütze freie Sicht hatte.
„Jetzt“, sagte Drebber ruhig.
Der Schuss knallte wie eine Tür, die man zuschlägt. Im Manöver markierte Rauch den Treffer, doch die Wirkung auf die Männer war real: Ein sichtbarer Erfolg, der den Körpern kurz erlaubte, wieder zu atmen. Der T-34 stand. Die gegnerische Infanterie duckte sich tiefer.
Reimann nutzte den Moment. „Vor! Haus zu Haus! Keine Helden!“
Leuthners Sd.Kfz. 251 rollte an, spuckte Staub, dann wieder Halt – absitzen, sichern, springen. Die Bewegung war wie ein Rhythmus. Der Ort schluckte sie Stück für Stück.
Und dann zeigte Karachew sein anderes Gesicht: das schwere Dröhnen, das nicht so schnell weicht. Hinter der Kirche tauchte der JS-II auf, in der Übung als „harte Nuss“ gesetzt. Allein sein Auftreten änderte die Regeln. Gegen einen JS-II war ein Hetzer nur dann König, wenn er zuerst und richtig traf – und die Infanterie war plötzlich nicht mehr Jäger, sondern potenzielles Opfer.
„JS-II bei der Kirche!“, kam es über Funk.
Reimann fluchte leise. „Drebber, können Sie ihn kriegen?“
Drebber schaute kurz durch die Optik, dann schüttelte er den Kopf. „Winkel schlecht. Wenn ich schieße, sehe ich danach gar nichts mehr, weil er mich sucht.“
„Dann halten Sie ihn nur beschäftigt.“
„Beschäftigen mit was? Mit guten Wünschen?“
Reimann funkte an den rückwärtigen Sicherungspunkt. „Königstiger nach vorn! Sofort!“
Während sie warteten, musste die Infanterie die Zeit kaufen. Unteroffizier König führte seine Gruppe in einen Hof, querte zwischen Ställen und Scheunen.
„Schnell!“, zischte er. „Wenn der schwere Klotz uns auf die Straße zwingt, sind wir festgenagelt!“
Gefreiter Lenz stolperte über einen Eimer, fing sich, wollte fluchen – König hielt ihm zwei Finger vor die Lippen. In diesem Moment schlug ein Übungsmarkierer in die Mauer über ihnen. Stein splitterte, Staub fiel. Das Dorf antwortete.
„Siehst du?“, knurrte König. „Karachew hört mit.“
Der Hetzer legte eine zweite Stellung an, um dem JS-II wenigstens die Nerven zu binden. Drebber ließ Rauch werfen, wechselte die Position um ein paar Meter, nur um den Eindruck zu erzeugen, er wäre überall. Der JS-II drehte seinen Turm langsam, suchte, tastete.
„Der denkt nach“, sagte Drebber. „Das macht ihn gefährlich.“
Dann kam der Königstiger.
Hauptmann Dieter Varnholt, Kommandant des zugeteilten Tigers, fuhr nicht in Karachew hinein wie in einen Triumphbogen. Er blieb am Rand, nutzte eine Mauerlinie als Deckung, ließ nur Turm und Rohr arbeiten. Das war kein Posen, das war Handwerk.
„Reimann“, meldete Varnholt über Funk, „halten Sie Ihre Leute aus meiner Schusslinie. Ich nehme den Dicken.“
Reimann atmete aus. „Verstanden. Wir binden rechts und sichern die Häuserkante.“
Varnholt ließ sich den JS-II zeigen. Sein Richtschütze, Unteroffizier Brandt, sprach fast monoton: „Ziel erfasst. Entfernung… Winkel…“
„Warten“, sagte Varnholt. „Nicht hetzen. Der Fehler kostet Leben.“
Der Schuss des Königstigers war im Manöver ein Ereignis. Nicht wegen der Lautstärke – die war immer laut –, sondern wegen der Erleichterung, die danach durch die Reihen ging. Der JS-II wurde „ausgeschaltet“, markiert durch Rauch und Abbruchsignal. Der schwere Gegner war aus der Rechnung genommen.
Doch Karachew war noch nicht fertig. Der Gegner setzte nach: Ein zweiter T-34/85 tauchte am Ortsrand auf, versuchte einen Flankenstoß über die Feldwege. Reimann erkannte die Absicht sofort.
„Leuthner!“, rief er. „SPW nach rechts, blockieren! Drebber, der zweite T-34, wenn Sie ihn sehen!“
Leuthner brachte sein Sd.Kfz. 251 in eine Deckung, ließ die Männer wieder absitzen. „Sperrfeuer!“, befahl er. „Nicht, weil ihr ihn trefft, sondern weil ihr ihn zwingt, den Kopf unten zu halten!“
Das war der Kern der ganzen Sache: Nicht jeder Schuss musste töten, manche Schüsse mussten nur zwingen. Zwingen, die Initiative abzugeben. Zwingen, zu warten. Und wer wartet, verliert Zeit – und Zeit war in Karachew der einzige Rohstoff, den keiner hatte.
Der Hetzer fand schließlich den zweiten T-34, als dessen Turm kurz über eine Hecke lugte. Drebber ließ nicht lange beten. Ein Schuss, ein Trefferzeichen. Der T-34 zog sich zurück, in der Übung „geschlagen“, in der Vorstellung „beschädigt“ – egal wie, die Bedrohung brach.
Reimann nutzte den Moment, um die letzten Häuserreihen zu säubern. Unteroffizier König und seine Männer gingen systematisch vor: Tür auf, Blick rein, Handzeichen, weiter. Keine langen Gespräche, nur kurze Worte.
„Frei.“
„Weiter.“
„Links sichern.“
Gefreiter Lenz atmete schwer, Schweiß auf der Oberlippe. Er zitterte, aber er blieb. König sah es, sagte nichts, klopfte ihm nur einmal auf den Helm. Das war mehr Lob, als Lenz jemals erwartet hätte.
Als der Übungsleiter schließlich das Signal gab, dass Karachew „genommen“ sei, standen die Männer nicht jubelnd auf den Straßen. Sie setzten sich. Lehnten sich gegen Mauern. Tranken. Schauten ins Leere. Das war der Moment, den Hasso am liebsten hatte: der Moment nach der Anspannung, wenn niemand mehr eine Rolle spielt.
Generaloberst Honischer trat zu Reimann, während Hauptmann Alsdruf mit ruhigen Schritten dokumentierte, ohne jemanden zu stören.
„Oberleutnant“, sagte Honischer, „warum haben Sie die Hauptstraße gemieden?“
Reimann antwortete sofort. „Weil sie mich dort haben wollten, Herr Generaloberst. Und weil ich nicht vorhatte, ihnen diesen Gefallen zu tun.“
Honischer nickte. „Richtig. Wer den Gegner glücklich macht, ist selbst schuld.“
Hasso stand daneben, hörte zu, und grinste schmal. „Und wer den Fotografen glücklich macht?“
Honischer sah ihn an. „Der sorgt dafür, dass man versteht, warum das hier mehr ist als ein Spiel.“
Später, bei der Paradeabnahme, standen die Einheiten sauber ausgerichtet: Infanterie-Regiment 256, Panzerjäger-Abteilung 112, die Schützenpanzerwagen in Reihe, der Königstiger am Rand wie ein schweres Versprechen. Die Uniformen waren wieder glattgezogen, die Gesichter wieder kontrollierter – aber wer genau hinsah, erkannte die feinen Spuren: Staub in den Nähten, eine Schramme am Helm, Hände, die noch leicht zitterten.
Honischer schritt die Front ab. Er blieb vor einem jungen Soldaten stehen.
„Name?“
„Gefreiter Lenz, Herr Generaloberst.“
„Sie sind im Hof geblieben, als es krachte.“
Lenz schluckte. „Ich… ich hatte Angst, Herr Generaloberst.“
Honischer nickte langsam. „Angst ist normal. Entscheidend ist, was Sie trotzdem tun.“
Hasso hob die Kamera, aber er drückte nicht sofort ab. Er wartete auf den Moment, in dem der Junge den Kopf ein kleines Stück höher nahm. Dann klickte es.
Auf der Rückfahrt nach Asgard-City sagte Honischer, fast beiläufig: „Wissen Sie, von Stürmisch… am Spieltisch verschiebt man Figuren. Hier verschiebt man Menschen.“
Hasso lehnte den Kopf ans Fenster. „Und genau deshalb“, sagte er, „müssen die Bilder zeigen, dass hinter jeder Bewegung ein Mensch steckt.“
Hauptmann Alsdruf saß vorne, schwieg, prüfte schon im Kopf seine Reihenfolge der Aufnahmen. Nicht einzelne „Bilder“ würden bleiben, sondern eine Erzählung: Karachew, ein Dorf im Manöver, in dem Männer so kämpften, wie es sich zugetragen haben könnte – mit Staub, Lärm, Fehlern, klugen Entscheidungen und dem leisen Glück, am Ende wieder gerade stehen zu dürfen.








2 Kommentare
An dir ist ein Schriftsteller und Berichterstatter verloren gegangen ………………….
Danke für die Blumen